«Mehr Verantwortung vor Ort – und ein klares Bekenntnis zur gemeinsamen Zukunft»
Ein Gespräch mit der Verwaltungsratspräsidentin Barbara Hofer und Geschäftsführer Marc Ungerer über das Geschäftsjahr 2025 und den Ausblick auf die kommenden Jahre.
Frau Hofer, Herr Ungerer: Das Geschäftsjahr 2025 liegt hinter Ihnen. Wie fällt Ihre Gesamtbilanz aus?
Barbara Hofer: Insgesamt dürfen wir auf ein sehr solides Jahr zurückblicken. Die Einnahmen aus den Beherbergungsabgaben haben sich erneut positiv entwickelt. Das zeigt, dass die touristische Nachfrage in der Jungfrau Region weiterhin hoch ist – und dass unser System trotz anspruchsvoller Rahmenbedingungen gut funktioniert.
Marc Ungerer: Besonders erfreulich ist, dass wir erstmals Rückstellungen für strategische Projekte bilden konnten. Diese finanzielle Stabilität gibt uns Spielraum, um die Destination gezielt weiterzuentwickeln, statt nur kurzfristig zu reagieren. Das sorgt für nachhaltige Stabilität.
Ein zentrales Ereignis im vergangenen Jahr war der gemeinsame Workshop von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung. Was stand dabei im Fokus?
Barbara Hofer: Für uns war es entscheidend, die Zusammenarbeit zwischen Verwaltungsrat und Geschäftsleitung weiter zu vertiefen und strategische Weichen gemeinsam zu stellen. Im Zentrum stand unser Mehrmarkensystem und die Frage, wie wir die Rolle unserer Aktionärsorte künftig noch stärker berücksichtigen können.
Marc Ungerer: Das Ergebnis ist ein klares Bekenntnis zu mehr Mitsprache und Verantwortung vor Ort. Ab 2027 werden die fünf Orte rund über die Hälfte der verfügbaren Marketingmittel – insgesamt etwas mehr als 2 Millionen Franken – selbst entscheiden können. Diese Mittel setzen sich aus ihren jeweiligen Anteilen aus Tourismusförderungsabgaben und Beherbergungsabgaben zusammen.
Was bedeutet diese Neuausrichtung konkret für die Jungfrau Region Tourismus AG?
Marc Ungerer: Unsere Organisation entwickelt sich damit stärker in Richtung eines Corporate Centers. Wir verstehen uns künftig noch klarer als Auftragnehmer der Aktionärinnen und Aktionäre. Die inhaltlichen Schwerpunkte und finanziellen Prioritäten werden stärker auf Ebene der Orte definiert.
Barbara Hofer: Gleichzeitig bleibt die gemeinsame Klammer der Destination sehr wichtig. Die Jungfrau Region steht international für Qualität, Authentizität und einzigartige Natur. Dieses gemeinsame Dach zu pflegen und weiterzuentwickeln bleibt eine zentrale Aufgabe.
Der Blick nach vorne ist derzeit stark geprägt von globalen Unsicherheiten. Wie beeinflusst die internationale Krise Ihre Arbeit im laufenden Jahr?
Marc Ungerer: Wir reagieren vorausschauend. Im operativen Marketing haben wir begonnen, Mittel verstärkt von den Fernmärkten hin zu den europäischen Herkunftsmärkten umzuschichten. Europa zeigt sich aktuell stabiler und berechenbarer.
Barbara Hofer: Die aktuellen Unsicherheiten wirken sich nicht auf alle Leistungsträger gleich stark aus. Entscheidend wird sein, dass insbesondere in Nordamerika kein konjunktureller Einbruch erfolgt. Die internationale Gästestruktur der Jungfrau Region bleibt dabei ein klarer Vorteil.
Nachhaltigkeit und Digitalisierung sind seit Jahren zentrale Themen. Wo stehen Sie hier aktuell?
Barbara Hofer: Diese beiden Themen bleiben strategische Leitlinien für die gesamte Destination. Es laufen mehrere Projekte, die sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Nachhaltigkeit fördern – von Mobilitätslösungen bis zu Zertifizierungsprozessen.
Marc Ungerer: Parallel dazu treiben wir die Digitalisierung konsequent voran, etwa in den Bereichen Datenmanagement, Besucherlenkung und Marketingtechnologie. Unser Ziel ist es, effizienter zu werden und gleichzeitig bessere Entscheidungsgrundlagen für alle Partner zu schaffen.
Neu stärker im Fokus stehen auch die Einheimischen als Stakeholder. Warum dieser Akzent?
Marc Ungerer: Tourismus funktioniert langfristig nur mit Akzeptanz der Bevölkerung. Deshalb setzen wir vermehrt auf Sensibilisierung – sowohl bei den Gästen in Bezug auf ihr Verhalten als auch bei den Einheimischen, insbesondere bei der arbeitenden Bevölkerung. Dass sich die einheimische Bevölkerung ökonomisch benachteiligt sieht, kann langfristig nicht funktionieren.
Barbara Hofer: Der Tourismus schafft Wertschöpfung und Arbeitsplätze, bringt aber auch Belastungen mit sich. Diese offen anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, ist für uns ein zentraler Auftrag der kommenden Jahre.
Abschliessend gefragt: Mit welchem Gefühl starten Sie in die nächste Etappe der Jungfrau Region Tourismus AG?
Barbara Hofer: Mit Zuversicht und Respekt vor den Herausforderungen. Die Strukturen sind stabil, die Zusammenarbeit ist gut, und die Rollen sind klarer denn je.
Marc Ungerer: Ich würde ergänzen: mit Gestaltungswillen für den vorhandenen Freiraum. 2025 hat gezeigt, dass wir uns gemeinsam weiter entwickeln können – und dass die Jungfrau Region eine grossartige Destination mit viel Potential ist.